wer bin ich ? ich heiße Dieter

Donnerstag, 21. Juni 2012

mit dem Rennrad durch die Eifel nach Aachen (140 km !)

Wo war ich gelandet ? Vor Dom-Esch waren es noch 7 Kilometer bis Euskirchen, einen Ort hinter Dom-Esch waren es auf einmal 9 Kilometer. Ich stand in Weidesheim, rümpfte meine Nase. Nirgendwo war Euskirchen ausgeschildert, daher musste ich fragen. Straße und Richtung zum Fraunhofer-Institut in Euskirchen beschrieb mir die junge Mama mit dem Kinderwagen in der Hand. Mitten durch Weidesheim gelangte ich prompt nach Kuchenheim – und nicht zum Fraunhofer-Institut. Euskirchen wurde mir unheimlich, denn ich hatte mich total verfranst. Egal – die B56 führte über Kuchenheim nach Euskirchen. So lernte ich die Zuckerfabrik ganz aus der Nähe kennen, dieser abstoßende Industriefleck, um den ich sonst einen großen Bogen machte.

In Euskirchen tröpfelte der Regen fleißig vor sich hin. Spätestens hier hatte ich gehofft, dass der Himmel aufreißen würde und die Regenwolken verscheuchen würde. Davon war keine Spur zu erkennen. Ich fluchte auf den Wetterbericht: dieser hatte gestern Nachmittag Regen und Gewitter vorhergesagt, daher hatte ich die Tour auf heute verschoben – Regen und Gewitter blieben aber aus. Heute hatte der Wetterbericht nach Osten abziehenden Regen gemeldet. Ich fuhr in die entgegen gesetzte Richtung nach Westen – und Euskirchen war in eine trübe Suppe eingetaucht, ein Spinnennetz von Regen. Mein Kurzarmtrikot hatte sich voll Wasser gesogen und in meinen Turnschuhen stand das Wasser. Menschen, die mich sahen, hielten mich bestimmt für verrückt.

Enzen und Schwerfen: hinter Euskirchen kannte sich mein Orientierungssinn wieder aus. Der Regen legte eine Pause ein. In Wellen stieg das Gelände an, doch der Weitblick blieb mir verwehrt, da sich der Dunst auf den Höhen fest gekrallt hatte. Ich fuhr auf Nebenstraßen, auf denen sich kaum ein Auto verirrte. In die Felder war eine bunte Mischung von Kornblumen, Klatschmohn und Kamille eingedrungen. Das war beeindruckend. 


Berg: dieses Dorf machte seinem Namen alle Ehre, denn es ging steil bergauf. Mitten hinein in die Eifel. Der Berg bei Berg buckelte sich in die Höhe, und Höhenmeter für Höhenmeter arbeitete ich mich vorwärts. Auf der B265 angekommen, tauchte die Straße in ein dichtes Waldgebiet ein. Ganz düster wurde es im Wald bei diesem trüben Wetter. Nebelschwaden bäumten sich auf, und für eine Weile fühlte ich mich in den verbotenen Wald von Harry Potter hinein versetzt.

Auf  Hinweisschildern las ich, dass dieses Stück Eifel den Status eines Nationalparks hatte. Die Bewohner der Eifel hatten diese Seltenheit geschafft, denn Deutschland-weit gab es lediglich 14 Nationalparks. Wandern auf vorgeschriebenen Wegen, Einschränkungen bei der Holzwirtschaft, anderenorts regte sich heftiger Widerstand gegen die Auszeichnung als Nationalpark – so auch bei uns im Siebengebirge.

Die B265 verlangte mir alle Kräfte ab, denn bis auf 500 Metern ging es noch mehr in die Höhe. An der Abbiegung Richtung Mariawald war es schließlich geschafft: mit 8% Gefälle stürzte die Straße nach Gemünd hinunter. Wie gut, dass ich neue Bremsen auf dem Hinterrad montiert hatte. Das war eine ärgerliche Abfahrt. Nichts zum Genießen, nur Abbremsen, Aufpassen, Konzentration. Und der Regen hatte wieder eingesetzt und plätscherte in mein Gesicht.

Einen Kaffee in Gemünd. Ohne Pause hatte ich rund 60 km zurück gelegt. An meinem Stehtisch in der Bäckerei lauschte ich den Weisheiten, die Damen älteren Semesters zum besten gaben. Dass die Zeit um so schneller vergeht, wie älter man wird. Dass man meint, es sei gestern gewesen, dass man das Baby in der Hand gehalten hat, das nun groß und erwachsen ist. Dass die Zeit so manche Wunden heilt, wenn man sich schlimmes angetan hat. Und bei jedem Regenschirm, den ich draußen vorbei schreiten sah, wuchs meine Depression. Ob man mich in der Bäckerei in meiner Fahrradbekleidung in kurzer Hose und kurzen Armeln bei strömendem Regen für verrückt hielt ?

Weiterradeln. Die Olef entlang, eben und flach schlängelte sich der Radweg neben Straße und Fluß. Einen Moment glaubte ich sogar, helle Stellen am Himmel zu entdecken. Wolken schoben sich beiseite, doch in Schleiden zog es sich wieder zu. Tristesse allenthalben, und ich bog auf die B258 Richtung Monschau ein. Aus dem Tal heraus, kletterte die Straße unerbittlich an. Zwei langgestreckte Kurven, dann wurde der Anstieg weniger bissig, meine Kraftanstrengung normalisierte sich.

Harperscheid und Schöneseiffen, in meinem gleichmäßigen Rhythmus musste ich in dem Vorort von Schleiden eine unfreiwillige Pause einlegen: mein Hinterreifen war platt. Diesmal war ich gewappnet: einen Reserveschlauch hatte ich in meinem Rucksack eingesteckt, und da bei Rennrädern das Hinterrad einfach herausnehmbar ist, war die Reparatur im Handumdrehen erledigt. Werkzeug einpacken, weiterradeln, wenigstens hatte Regen aufgehört. Die unfreiwillige Pause hatte sogar etwas positives: da ich im Schneckentempo unterwegs war, konnte ich anhalten und innehalten, um die kleine alte Kirche in Schöneseiffen zu betrachten. Oft sind es nicht die großen Kathedralen oder Dome, die Schönheit ausstrahlen, sondern die kleinen Kirchen. Das gedrungene Gemäuer verriet ein hohes Alter, der weiße Anstrich wirkte grazil und gleichzeitig lebendig. Die Eifel ist reich an solchen kleinen Schmuckstücken.

Eine der schönsten Abschnitte dieser Radtour versackte in den Wolken. Bis auf 650 Meter stieg die Straße an. Ich konnte kaum bis zum Ende der Straße sehen. Die Scheinwerfer der Autos tasteten sich durch die trübe Masse. Diesen Fall hatte ich nicht vorgesehen, denn ich stellte erst jetzt fest, dass meine Beleuchtung nicht funktionierte – wahrscheinlich war die Batterie leer.

In Höfen, kurz vor Monschau, nahte die Erlösung. Zuerst schälten sich die Windräder aus dem undurchdringlichen Wolkenschleier heraus. Die Wolken zogen sich in größere Höhen zurück, so dass das Licht intensiver eindrang. Es war befreiend, wie der Blick über die Eifelhöhen hinweg schweben konnte. Ich genoß die Einzigartigkeit des Heckendorfs: über das ganze Dorf hinweg verteilte sich ein Netz von Hecken, die Jahrhunderte alt waren. Auf der Hochfläche fungierten die Hecken als Schutz gegen Wind und Wetter – einige Hecken stammten aus dem 17. Jahrhundert.

Die Pause in Monschau hatte ich herbei gesehnt. Von Höfen aus ging es bergab, denn Monschau war sorgsam eingebettet in das Tal der Rur. Monschau ist ein Touristennest – und an schönen Wochenenden muss die Hölle los sein, hatten uns Bekannte erzählt. Passend zur bildhübschen Altstadt begegnete ich einem Ärgernis jeden Radfahrers: Kopfsteinpflaster. Ich schob, holperte über das Kopfsteinpflaster, querte die Rur über eine Brücke, suchte ein bequemes Plätzchen. Trappistenbier – Monschau und Aachen waren die einzigen mir bekannten Städte in Deutschland, in denen man dieses süffige und starke, mit Malz gebraute Bier aus Belgien trinken konnte. Hinter dem Roten Haus – einem stolzen Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert, mit dem sich die Tuchfabrikanten in Monschau ein Denkmal gebaut hatten - wurde ich fündig: zögernd und unschlüssig zeigte sich die Sonne, und draußen hockte ich mich auf den freien Platz eines Lokals. LEFFE hieß die Biermarke mit einem Kirchturm im Logo, aus dessen Abtei das Bier stammte. Ich lümmelte mich auf meinem Stuhl und genoß die Braukunst aus einem belgischen Trappistenorden. Drei Trappistenbiere und eine geschlagene Stunde dauerte meine Pause.

Die neue Kraft, die ich mit der Pause geschöpft hatte, brauchte ich sogleich, denn mit 17% Steigung ging es aus dem Rurtal hinaus. Die 17% waren kurz und heftig. Quälen und scheuchen musste ich meine Beine. Die 17% verflachten zunehmend, und in Imgenbroich näherte sich der Schwierigkeitsgrad einem annehmbaren Niveau.

Roetgen: schurgerade und ohne Akzente stach das breite Band der Straße eine Schneise in den Wald. Wenn ich nicht kurz vor meinem Zieleinlauf in Aachen gestanden hätte und wenn die Straße nicht so schön bergabwärts gerollt wäre, hätte ich die Eintönigkeit eines solchen Straßenverlaufs gemieden. Belgien war so nahe, dass die Straße sogar eine Kilometer durch Belgien verlief. Für Autofahrer huschte eine fiktive Grenze vorbei. Für mich als Fahrradfahrer war diese Fiktion greifbarer – als Ladenlokal. Wie anderenorts in Grenznähe, konnte man Kaffee im Überfluss einkaufen. In Venlo hatten wir sogar erfahren, dass der Preisunterschied zu Deutschland signifikant ist.

In Aachen war ich am Ziel meiner Träume. Ein kurzer Abstecher zum Rathaus und zum Dom, dann zum Bahnhof mit dem Zug nach Hause zurück. Abends war ich platt und konnte kaum noch auf den Beinen stehen. Meinen Durst hatte ich gut gelöscht. Zum einen wirkten die Trappistenbier aus Monschau nach. Dann hatte ich eine Ananas, die unangerührt zu Hause herum lag, fast vollständig verschlungen. Mein Körper befand sich wieder im Gleichgewicht, und später fiel ich regelrecht ins Bett hinein. Ich war erschlagen von soviel Kilometern Fahrradfahrt.

Kommentare:

  1. Ooooooh, *stöhn* dieses Kornblumenfeld !!! ... *schmacht* *dahinschmelz* Soooo schön.

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  2. Gleich drei Biere - ich denke mal, das ist ein Maßstab für die zuvor erlittenen Anstrengungen. Dass du dir diese Pause in Monschau ersehnt hast, wundert mich nicht, lieber Dieter... :o)
    Ich schick dir liebe rostrosigen Vor-Wochenend-Grüße!
    Traude

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  3. Hallo Dieter, du hat meine absolute Bewunderung für deine Radtour, so viele Kilometer bei relativ schlechtem Wetter zurück legen, ist einen Applaus wert! Danke für deinen interessanten Bericht und die Fotos, für mich sehr interessant, weil ich noch nie in dieser Gegend war.
    An solche Ausflüge erinnert man sich lebenslang, gerade weil das Wetter nicht so ideal war....die Biere hast du dir wirklich verdient :))
    ♥lichst Zaunwinde

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  4. Hallo Dieter,

    ich bewundere dich für diese Tour bei DEM Wetter, wow!
    Am Fraunhofer Institut gibt es nicht viel zu sehen, ungefähr so unspektakulär wie die Zuckerfabrik. rein kommt man nur am Tag der offenen Tür.
    Ich war heute auch an den Blumenäckern zwischen Schwerfen und Enzen und habe ein paar Fotos gemacht, zwar ohne Regen, aber mit kräftigem Wind. Mal schauen ob sie heute noch online gehen, sonst morgen.
    Bin schon auf deine nächsten radtouren gespannt.

    Liebe Grüße Arti

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  5. Respekt, Dieter! So eine Strecke und dann noch bei Regen!
    Ich war schon stolz auf meine 50 km am Sonntag bei Sonne (aber immerhin Gegenwind ;-) ).
    VG
    Elke

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  6. Da hast du ja wieder ein Wahnsinnstour gemacht, Dieter und das auch noch bei diesem nicht gerade tollem Wetter.
    Das Kornblumen-, Mohnfeld ist wundervoll.

    Alle Achtung, dass du nach dieser Tour noch den Dom und das Rathaus besichtigt hast.

    Liebe Grüße
    Christa

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