wer bin ich ? ich heiße Dieter

Donnerstag, 20. September 2012

Boulevardpresse


Heute Morgen im Autoradio. Gespannt lauschte ich Oliver Briesch in Einslive, wie er in seinem gewohnten ironischem Unterton das Alltagsgeschehen analysierte und treffsicher auf den Punkt brachte.

Heute waren die Nacktfotos von Kate Middleton an der Reihe, wie sie in der Boulevardpresse kursierten. Welch ein Job für einen Fotografen ! Sich in der Sonne der Provence aalen, den Duft von Lavendel einatmen, die mediterrane Landschaft genießen. Auf wenige entscheidende Momente hin arbeiten: aus 800 Metern Entfernung zwischen Bäumen hindurch spähen, Kate mit nacktem Busen in ihrer Ferien-Villa erwischen, schließlich den Auslöser der Kamera betätigen, die mit ihrer Super-Telefoto-Linse messerscharfe Fotos geschossen hat.

Der Paparazzo hat wahrscheinlich für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Königsblätter aus Frankreich, Italien, Irland und Schweden rissen sich um die Fotos. Durch den Verkauf der Fotos an die Boulevardpresse ist der Traum vom ganz großen Geld wahr geworden. Nur die englischen Königsblätter weigerten sich, die Geschmackslosigkeiten abzudrucken.

Während Oliver Briesch das Geschehen mit der sonnigen Landschaft Südfrankreichs übermalte, packte mich ein gewisser innerer Ekel, mich auf dieses Niveau des Boulevard-Journalismus herunter zu bewegen. Eigentlich will ich so etwas nicht lesen, doch im Alltag fällt es mir schwer, diese Art von Schlagzeilen und Meinungsmacherei komplett auszublenden.

Zu sehr lauern an den Straßenecken die Schlagzeilen von Bild und Express. Wohl wissend, dass dies kein seriöser Journalismus ist, schaue ich dennoch gelegentlich drauf: wenn wieder einmal Gewaltverbrechen an Säuglingen oder Kleinkindern geschehen sind, wenn – berechtigterweise – über die Altersarmut berichtet wird oder wenn es um die Fußball-Bundesliga geht.

Die Boulevardpresse ist unseriös, weil sie reinen Marktmechanismen folgt. Bezogen auf die Presselandschaft bedeutet dies: wenn der Leser aufreißendes und anstößiges lesen will, wird es auch gedruckt.

Liebt Heidi Klum ihren Bodyguard ? Muss Jenny Elvers in eine Entziehungskur ? Ist Shakira schwanger ? Das sind die Fragen, die die Welt bewegen. Nicht, ob es endlich Frieden in Syrien gibt oder ob der Euro noch zu retten ist. Die Dummheit des Lesers regiert.

Heerscharen von Paparazzi dürften Heidi Klum und ihrem Liebesleben gefolgt sein. Auf frischer Tat ertappt. Die Suche nach einem Ereignis, die die Massen bewegt. Das entscheidende Foto im entscheidenden Augenblick. Dabei steckt bei so manchem Paparazzo sicher ein Stück krimineller Energie dahinter.

Andere Fotoreporter, die der seriösen Berichtserstattung zuzuordnen sind, verspüren sicherlich eine innere Zufriedenheit und einen erfüllten Tag. Wenn sie für Tageszeitungen Vereinsjubiläen oder Events in der Stadt oder Sportveranstaltungen fotografieren, dürfte ihre Freude aber beim Blick auf die Gehaltsabrechnung abnehmen, denn ihr Einkommen rangiert im Niedriglohnsektor ungefähr auf dem Niveau von Friseuren oder Verkäuferinnen. Genauso vermute ich, dass auch hervorragende Foto-Blogs – von denen ich sehr viele kenne - kaum an irgendwelche Zeitungen verkauft werden könnten. Dazu ist der Markt zu sehr überschwemmt von Fotoagenturen, Fotoateliers und freien Fotografen.

Der Kampf von Kate Middleton gegen die Königsblätter ist zäh. Pressefreiheit ist in der Demokratie ein hohes Gut – selbst in dieser schmuddeligen Variante. Französische Gerichte haben die Veröffentlichung verboten. In Italien, Irland und Schweden ist geklagt, aber noch nichts verboten. Jüngst sind die Fotos an eine dänische Zeitung verkauft worden. In Einslive wurde Oliver Briesch bei dieser Vision ohnmächtig: eine Kettenreaktion wäre denkbar, verteilt ungefähr über die ganze Welt. Und die Gerichte hinken mit ihren Verboten und einstweiligen Verfügungen nur stark zeitversetzt hinterher. Solange kann die Veröffentlichung der Nacktfotos nicht gestoppt werden.

Kommentare:

  1. Vielleicht ist der Busen von der zukünftigen Königin Englands hübscher anzusehen als die Toten in Syrien? Wahrscheinlich mögen Menschen lieber Klatsch und Tratsch als Krieg, Mord und Armut? Woher soll die gute Laune kommen, wenn man immer nur Schreckensmeldungen liest, hört, sieht? Der Markt für Leichtigkeit ist offenbar vorhanden - und wird gut bedient. Jedem das Seine. Depressionen möchte ich von meiner morgendlichen Zeitungslektüre nicht bekommen.

    AntwortenLöschen
  2. So ein Glückfoto möchte ich auch mal machen *fg*...die Geldbörse würde sich jedenfalls freuen^^

    Ansonsten isses wirklich schlimm wie jetzt schon wieder Jagd gemacht wird. So gar keine Privatsphäre mehr haben zu können muss wirklich schlimm sein.

    Liebe Grüsse

    AntwortenLöschen
  3. naja - es gibt Leute denen macht es Spaß einen nackten Busen zu fotografieren - und es gibt Leute dir freuen sich wenn sie ihn dann sehen. Ist an sich ja ein geben und nehmen. Dass man mit so einem Foto dann viel Geld verdient ... tja ... so ist die Welt.
    Ich fotografiere keine nackten Busen und habe den von Kate auch noch nicht gesehen. Ich bastel Eulen ... und solche Sachen ... und das nur aus Spaß und Laune *g*

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Dieter, ich persönlich finde es schlimm immer und ständig von Paparazzi verfolgt zu sein.
    Auch Prommis haben ein privates Leben und das sollte respektiert werden.

    Ich kaufe solche Zeitschriften erst garnicht.
    Hatte für ein Jahr ein Abo für eine Zeitschrift, weil dir Kids im Ortsverein neue Trikos brauchten, die dadurch bezahlt wurden.
    Ehrlich...die Zeitung habe ich nicht gelesen, ist so ins Altpapier gekommen.

    Gute Nacht und liebe Grüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  5. Das ist wohl der Preis der Pressefreiheit.

    Wochenendgrüße, Jo

    AntwortenLöschen
  6. Hallo Dieter,
    wenn ich an die Paparazzi denke, dann ist das vielleicht gar nicht so ein toller Job. Bis man den Money-Shot hat, wird man von stachligen Sträuchern zerkratzt, bekommt Zecken- oder Hundebisse, sieht immer aus wie ein Strauchdieb und muss ewig in unbequemer Haltung irgendwo hocken. Ok, das müssen Tierfotografen wohl auch, ohne Chance auf das große Geld. Dann doch lieber Paparazza werden? Aber nur in der Provence! ;-)
    VG
    Elke

    AntwortenLöschen
  7. Das Vorgehen des Könighauses gegen die Abbildungen von Kates Nacktfotos finde ich mehr als gerechtfertigt.
    Auch in der Öffentlichkeit stehende Menschen habe ein Anrecht auf eine Privatsphäre, finde ich zumindest. Zwar haben wir Pressefreiheit, aber es gibt auch Anstandsregeln.

    Liebe Grüße
    Christa

    AntwortenLöschen
  8. Sehr guter Blog-Eintrag. Spricht mir aus der Seele.

    AntwortenLöschen
  9. Ich kann deinen Eintrag durchaus nachvollziehen. Ich halte mich in Bezug auf ernsthafte Nachrichten mit der täglichen Tagesschau auf dem Laufenden. Allerdings stöbere ich auch online immer mal durch den Express, um auch in der Pop-/Schauspielwelt etwas auf dem Laufenden zu sein, wobei ich dabei jedoch immer im Hinterkopf habe, woher ich diese Info gerade beziehe ;-)

    Schlagzeilen wie die "Oben-ohne-Kate" interessieren mich dabei allerdings nicht die Bohne. Sorry, soll wer will oben Ohne in der Sonne brutzeln. Und Brüste sind Brüste und völlig normal ... egal, von wem sie stammen. Verstehe auch den ganzen Hype nicht, den das Königshaus darum macht. Wäre alles weniger spannend, wenn das Königshaus entspannter wäre ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. P. S.
      Wenn ich nicht oben Ohne auf einem Foto landen will, dann sollte ich mir gerade als Mensch, der so in der Öffentlichkeit steht, Gedanken darum machen, ob das Oberteil nicht lieber an bleibt. Ansonsten muss ich außerhalb fester Wände immer damit rechnen, dass ein Paparazzi auf ein solches Motiv nur wartet und wer sich dessen nicht bewusst ist, dem fehlt es ein bisschen an Hirn ... Privatsphäre hin oder her ... die interessiert einen Paparazzi gleich null und das weiß heute wohl jedes Kind ;-)

      Löschen