wer bin ich ? ich heiße Dieter

Samstag, 16. Juni 2012

Antiquitäten-Schmiede

Gelegentlich macht es uns Spaß, über Flohmärkte zu bummeln. Gerne besuchen wir den Flohmarkt in der Rheinaue - da dieser jeden dritten Samstag im Monat stattfindet, kollidiert dies mit dem Schwimmkurs unseres kleinen Mädchens. Daher haben wir in diesem Jahr noch keinen Flohmarkt geschafft. Auf Flohmärkten an Baumärkten oder Supermärkten fehlt uns die Atmosphäre. Als ich zufälligerweise an der Antiquitäten-Schmiede vorbei gekommen bin, war ich fasziniert. Im Innenhof war ich mittendrin in einem Flohmarkt ...


Eingangsschild ...







Innenhof ...

Freitag, 15. Juni 2012

Ottfried Preussler - Die Kleine Hexe

Eigentlich bin ich ein schlechter Geschichtenerzähler. Ich kann nichts aus dem Stehgreif erzählen. Ich muss es mir aufschreiben, um es erzählen zu können. Dennoch lese ich gerne unserem kleinen Mädchen die Gutenachtgeschichte vor. Ihre Bettdecke bis über die Schultern gezogen, schaut sie mich mit großen Augen an.

Nicht immer bin ich an der Reihe – je nachdem, welche Arbeiten in Küche und Garten noch zu erledigen sind. Wenn ich vorlese, genieße ich die Geschichten aus den Kinderbüchern. Unbeschwert wird drauflos erzählt. Alles ist echt, keiner biegt sich selbst zurecht. Am Ende haben sich alle lieb. Manches ist so lustig erzählt, dass wir beide uns vor Lachen kaum noch einkriegen können.

Zuletzt war Karlsson vom Dach an der Reihe. Drollig, wie er mit seinem Propeller in die Häuser hinein fliegt und dort Unsinn anstellt. Nun lesen wir Till Eulenspiegel. Närrisch, wie er in Norddeutschland die Menschen mit seinen Streichen an der Nase herum führt. Davor haben wir die Kleine Hexe gelesen.

Ottfried Preussler: erst beim Schreiben habe ich herausgefunden, dass der Kinderbuchautor noch lebt und heute 85 Jahre alt ist. Die Kleine Hexe ist bereits im Jahr 1957 erschienen. Erstaunt habe ich festgestellt, dass das Buch auf der ganzen Welt gelesen wird – die Übersetzungen reichen von Russland über Indonesien, Thailand und Japan bis nach China.

Die Geschichte der Kleinen Hexe rankt sich um ihr Alter. Es fängt an wie in jedem Märchen: „es war einmal eine Kleine Hexe, die war erst 127 Jahre alt, und das ist für eine Hexe noch gar kein Alter. Sie wohnte in einem Hexenhaus … „

Bibi Blocksberg, Hexe Lilli und die Kleine Hexe: Hexengeschichten gehören für mich zu den schönsten Kindergeschichten. Sie stecken voller Überraschungseffekte, wenn aus dem Nichts gezaubert wird. Wenn Unangenehmes einfach weggezaubert wird. Oder wenn etwas schnell daher gezaubert wird, was man sich sonst mühsam erarbeiten müsste. Oder wenn Menschen verzaubert werden und sich so verhalten, wie sie gar nicht sind. Beim Zaubern macht es Kling-Kling oder es knallt – dieser Augenblick steckt voller Spannung.

Die Kleine Hexe möchte gerne mit den großen Hexen auf dem Blocksberg die Walpurgisnacht feiern. Ein großes Feuer wird angezündet, die Hexen tanzen und fliegen auf ihren Besen durch die dunkle Nacht. Zwischen die großen Hexen hat sie sich hinein gemischt. Das ist aber verboten, denn mit ihren 127 Jahren ist sie zu jung. Dies ist ein Alter, das mit dem menschlichen Verstand nicht mehr begreifbar ist. 127 Jahre und zu jung: wie alt mögen die großen Hexen sein ? Sie bekommt ihre Strafe aufgebrummt, dass sie nur noch Gutes hexen soll, außerdem wird ihr Besen verbrannt.

Mucksmäuschenstill ist unser kleines Mädchen, wenn ich vorlese. Voller Spannung erwartet sie das nächste Kapitel. Sie hebt ihren Kopf, um noch aufmerksamer zuhören zu können. Ihr Kuschelpferd hat sie beiseite gelegt. Meine Ellbogen lehne ich über den Rand ihres Hochbetts. Ab und an wird die andächtige Stille unterbrochen, wenn ein Auto vor unserem Haus vorbei fährt.

So wie von den Großen Hexen gewünscht, setzt die Kleine Hexe ihre Zaubersprüche gegen böse Zeitgenossen ein. Zankende Kinder, die einen Schneemann zerstören wollen, werden vertrieben. Sie verhindert, dass ein Ochse bei einem Schützenfest geschlachtet wird. Ein Revierförster, der alten Frauen verboten hat, im Wald Klaubholz zum Heizen zum sammeln, wird verhext und sammelt selbst das Klaubholz ein. Ihr Drang nach guten Taten nimmt kein Ende – ein Kastanienverkäufer braucht bei eisiger Kälter nicht mehr zu frieren – ein armes Mädchen mit zahlreichen Geschwistern, dessen Vater gestorben ist, bessert das Familieneinkommen durch den Verkauf von Papierblumen auf.

Von der Hörcassette, die wir im Auto rauf und runter gehört haben, habe ich noch das Lied der Hexen auf dem Blocksberg in den Ohren:
„Heia Walpurgisnacht …
… heia der Vollmond kracht
… heia heia hooo …“

Mysteriös und kraftvoll ist dieses Lied zugleich. In dem Buch habe ich gelernt was es alles für Arten von Hexen gibt: Berghexen, Waldhexen, Sumpfhexen, Nebelhexen, Wetterhexen, Windhexen, Knusperhexen, Kräuterhexen.

Sie alle versammeln sich ein Jahr später. Der Hexenrat entscheidet, ob sie bei der Walpurgisnacht mit dabei sein kann. Sie muss eine Prüfung bestehen und Aufgaben zur Zauberei lösen. Dies schafft die Kleine Hexe bravourös. Ihrem Ziel ist sie ganz nahe gekommen. Doch dann scheitert sie an einer Wortverdreherei. Eine gute Hexe ist eine böse Hexe – also hätte sie Böses hexen sollen. Sie blamiert sich bis auf die Knochen. Zur Strafe soll sie Holz für das Hexenfeuer einsammeln. Sie soll an einen Baum gebunden werden und zuschauen. Ein vernichtendes Urteil. Doch sie rächt sich: mit einem Hexenspruch sammelt sie sämtliche Zauberbücher und Besen der Hexen ein und macht daraus ein Feuer. Ganz alleine feiert sie die Walpurgisnacht. All die anderen Hexen schickt sie in die Hölle.

Unser kleines Mädchen kuschelt sich ins Kopfkissen ein. Sie trinkt, nachdem ich ihr ein Glas Mineralwasser geholt habe. Ihre Augen werden kleiner und fallen schnell zu. Morgen geht es wieder in die Schule.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Ukraine gegen Deutschland - ein Fußballspiel auf Leben und Tod

D-Day und Rurfront – eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den zweiten Weltkrieg in meinen Blogs vorläufig beiseite zu schieben. Doch ich erinnerte mich an eine ARD-Dokumentation, die ich 2005 oder 2006 im Fernsehen gesehen hatte. Es ging um Fußball: Ukraine gegen Deutschland. Das passte zur Fußball-EM – die neben Polen in der Ukraine stattfindet. Und die Ukraine und Deutschland – beide Mannschaften nehmen an der Fußball-EM teil.

1942. Die deutschen Truppen waren ein Jahr zuvor in der Ukraine einmarschiert. Wie anderswo im Deutschen Reich, setzten sie ihren Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Rasse fort. Neue Größenordnungen der Barbarei wurden erreicht, als in Babij Jar in der Nähe von Kiew an zwei Tagen 33.000 (!!!!) Juden ermordet wurden. 1942 war die Schlacht von Stalingrad entschieden, und die Rote Armee war noch so tief im russischen Territorium entfernt, dass die Ukraine Teil des Deutschen Reiches war.

Wie sonstwo im Deutschen Reich, suchte man nach Zerstreuung. Ein bisschen Normalität wollte man im Krieg erleben. Was gab es außer Filmen, Theater, Musik ? Fußball. Die deutschen Besatzer entschieden sich, im Zenith-Stadion in Kiew ein Fußballturnier zu organisieren. Ein absolut zynisches Vorhaben – bei all dem Leid und all den Toten, die der Krieg mit sich brachte.

Fünf Mannschaften nahmen an dem Fußballturnier teil. Nach der Vorrunde standen sich die Endspielgegner gegenüber: eine Werkself aus Kiew – das waren Arbeiter einer Brotfabrik – gegen deutsche Soldaten – das waren Flakhelfer. FC Start gegen Flakelf. Oder im Großen: Ukraine gegen Deutschland. Erst beim Aufeinandertreffen bemerkten die Deutschen, dass die Mannschaft des FC Start gewiefte Fußball-Profis waren – so würde man im heutigen Jargon sagen. Zu Kriegszeiten waren nämlich die großen Vereine Dynamo Kiew und FC Lokomotive aufgelöst worden, und acht Top-Fußballspieler fanden sich in der Brotfabrik wieder. Die deutsche Mannschaft rekrutierte sich aus einfachen Soldaten – die fußballerisch keinem Top-Verein zugehörten.

Das Endspiel wurde als Hin- und Rückspiel ausgetragen. Im Hinspiel kassierte das deutsche Team eine Schlappe und ging mit 1:5 unter. Am 9. August 1942 wurde das Rückspiel ausgetragen.

Schon vor dem Anpfiff war die Spannung wie elektrisiert. In der Weltanschauung des Nationalsozialismus war die arische Rasse den slawischen Völkern weit überlegen. Russen – auch Ukrainer – waren minderwertig, schwach, ihre Menschenwürde wurde mit Tieren gleichgesetzt. Ein Sieg der Ukraine passte da überhaupt nicht ins Bild. Was würde passieren, wenn die Ukraine gewinnen würde ?

Die Ränge im Stadion waren mit mehr als 10.000 Zuschauern überfüllt. Das Interesse an dem Spiel war in Kiew riesengroß. „Schlagt die Deutschen“ feuerten die Zuschauer mehrdeutig von der Tribüne die ukrainischen Spieler an. Ruppig, hart und mit vielen Fouls ging es in diesem Spiel zu. Ein SS-Mann, der viele Fouls der Deutschen nicht ahndete, war Schiedsrichter. Bereits zur Halbzeit führte die Ukraine mit 3:1. Am Spielende hieß es 5:3 für die Ukraine. Die Demütigung für die überlegene arische Rasse war perfekt. Der Jubel der ukrainischen Spieler war verhalten. Angesichts der übermächtigen Besatzungsmacht wussten sie nicht so richtig, ob sie sich über den Sieg freuen sollten.

Wenige Tage später geschah dann das, was alle befürchtet hatten. SS-Männer tauchten in der Brotfabrik auf und verhafteten acht Spieler. Sie wurden in Gefängnisse inhaftiert oder in Konzentrationslager gebracht. Vier von ihnen wurden gefoltert und später erschossen.

Im Kalten Krieg wurde das Todesspiel – wie es in der damaligen Sowjetunion genannt wurde - ideologisch ausgeschlachtet. Was für Deutschland das Wunder von Bern war, war fortab für die Sowjetunion das Wunder von Kiew.

Der Mythos wurde zum Streitobjekt zwischen Deutschland und der Sowjetunion – später Russland. Das Fußballspiel wurde 1963 in der Sowjetunion verfilmt – wobei ein Zusammenhang zwischen dem Sieg der ukrainischen Spieler und der Verhaftung bis heute nie nachgewiesen werden konnte. Auch in diesem Jahr kam im März ein Film über dieses Spiel in die russischen Kinos. Dabei wurde die Handlung dahingehend abgeändert, dass direkt nach dem Schlusspfiff die ukrainischen Spieler von der SS verhaftet wurden. Diese Version ist definitiv falsch.

Tragisch ist diese Geschichte ohnehin. Sie geht um Größenordnungen über das hinaus, was Hooligans heutzutage anrichten. Ereignisse wie bei dem Skandalspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin - Bengalische Feuer und auf das Spielfeld stürmende Fußballfans – sind demgegenüber harmlos. 2005 hat ein russischer Historiker aufs Neue die Fakten aufgearbeitet und versucht, ideologische Verdrehungen gerade zu rücken. Doch der Mythos lebt in der Köpfen von Russen und Ukrainern fort.

Dienstag, 12. Juni 2012

mit dem Rennrad nach Bad Münstereifel

Der Wind wehte wie verrückt. Hinter Meckenheim hatte sich freies Feld geöffnet, und Baumreihen oder Strauchwerk am Straßenrand boten keinen Schutz. Die ansteigenden Eifelhänge näherten sich, doch der Wind pustete aus Leibeskräften. Ich musste mächtig treten. Den Berg hinauf, war es endlich soweit: ich hatte die ersten Waldstücke erreicht, und wie ein Schutzschild wehrte der Wald den böigen Wind ab, der gezähmt zu einem seichten Lüftchen abebbte. Anstatt dessen zog die Steigung an, und die beginnenden Eifel-Höhen forderten meine Kräfte heraus. Meter für Meter arbeitete ich mich bergaufwärts, bis ich wieder eine außergewöhnliche Begegnung mit dem Wind hatte, denn es öffnete sich eine grasbewachsene Freifläche, über der der Wind den Berghang hinab fegen konnte.  

Das war niederschmetternd. Der Anstieg war mächtig, kombiniert mit einem Wind, der mich wegzufegen drohte. Ich stand kurz vor der Kapitulation. Der schlimmste denkbare Fall, nämlich absteigen und schieben, war greifbar nahe. Irgendwie hielt ich mich noch auf dem Rennrad, und irgendwie schaffte ich weitere Zentimeter vorwärts. Bis der Wind wie weggeblasen war, denn das nächste Waldstück schützte mich.

Hilberath, in der ersten Ortschaft auf der Eifelhöhe flachte der mühsame Anstieg ab. Häuser aus sorgsam aufeinander geschichteten Bruchsteinen zeigten an, dass ich mich in der Eifel befand. Hilberath, das war ein kleiner Ort mit Blick auf die Details. Der Schacht eines Brunnens umgab sich mit einem Bau, dessen Stil wie eine Hundehütte aussah. Römische Zahlen signalisierten über einem roten Eisengitter, dass der Brunnen in den 70er Jahren restauriert worden war. Wieviele Krieger den Heldentod in den beiden Weltkriegen starben, zählten Marmorplatten zwischen wuchtigen Säulen unter einem steinernen Kreuz auf.

Heute war Bad Münstereifel mein Ziel und auf dem Höhenzug brach ich nicht ab wie vor mehreren Wochen, sondern ich folgte ihm weiter. Schnell wurde ich durch gewirbelt: ich schoß ein Tal hinunter, dem ein ausdauernder Anstieg folgte; Felder öffneten sich, der Wind wirbelte in mein Gesicht, ich tauchte in den Wald ein, und plötzlich war ich mit mir und der Ruhe alleine, abgesehen von einzelnen Autofahrern, die sich hupend ihren Weg bahnten.

Bis ich Bad Münstereifel erreichte, zehrte die letzte lange Strecke an meinen Nerven. Immer geradeaus zog sie sich wie ein Strich in die Länge, und ich sah die Buckel ansteigen, die nur oben und kaum nach unten wiesen. Bis zu einer Kurve, in der ich auf eine erlösende Abfahrt hoffte. Doch diese kam nicht: anstatt dessen wieder ein solcher langer Strich, der mehr den Berg rauf wie runter wies. Das Spielchen wiederholte sich schier endlos, inmitten von Wald, nichts als Wald, pure Idylle, ungestört, hätte man meinen können, doch Berge, Gegenwind und Einsamkeit steckten massiv in meinen Knochen. 


 Nach 40 Kilometern und einer wunderschönen Abfahrt war es schließlich so weit: ich hatte Bad Münstereifel durch das Stadttor erreicht, und durch die wunderschöne Kleinstadt plätscherte die Erft. Lokale waren an der Erft so zahlreich, so dass ich mir mitten in diesem Fachwerk-Idyll aussuchen konnte, wo ich etwas leckeres Kühles trinken konnte. Diesmal vermisste ich Niederländer, denen ich sonst stets in Bad Münstereifel begegnet war. Anstatt dessen torkelte ein Haufen Fußball-verrückter Frauen an mir vorbei, der Haufen breitete sich über mehrere Tische aus, schwenkte kleine Fahnen. Der dicke Kopf einer Frau wurde mit einer Deutschland-Girlande geschmückt. So deutlich und entschlossen, wie sie miteinander redeten und sich anfeuerten, waren sie sich wohl sicher, dass Deutschland am Samstag gegen Portugal gewinnen würde.

Zwei große Bitburger, 20 Minuten Pause, dann ging es weiter. Auch diesmal genoß ich den gut ausgeschilderten Radweg die Erft entlang. Man kann sicherlich nicht sämtliche Dörfer miteinander vergleichen, aber Iversheim, den nächsten Ort, habe ich als eine der schönsten Dörfer in Erinnerung, die ich je gesehen habe. Da passt einfach alles zusammen: die Ruhe in den Straßen, die Ungestörtheit, das gepflegte Fachwerk, auch so bunt und unterschiedlich, wie die Fachwerkbalken gestaltet sind. Mitten im Ort der Prümer Hof, ein Anwesen, das ursprünglich aus dem 12. Jahrhundert stammt.

Hammerwerk Erft, eine Fabrik erhob sich aus dem Ufer der Erft. Selbst diese Fabrik strahlte eine solche Ruhe aus, dass ich meinte, in diesem Stück Voreifel wäre die Zeit stehen geblieben.

Ein letzter, kraftraubender Anstieg nach Kirchheim, und danach konnte ich loslegen: erst die Abfahrt, und dann - ab Flamersheim - wehte aufs Neue dieser wie wild entfesselte Wind, der mich bis Bad Münstereifel zur Verzweiflung gebracht hatte.Diesmal aber in die richtige Richtung, nämlich in meinen Rücken. Bis zu Hause war freies Feld, und ich brauchte mein Rennrad nur noch rollen zu lassen.

Die restlichen 50 Kilometer fuhr ich bis zu Hause durch, an einem Stück. Das war durchaus eine große Hausnummer, die ich bis zu Hause geschafft hatte: 90 Kilometer, eine einzige Pause, die reine Fahrzeit betrug etwa 4 Stunden 15 Minuten. Durchschnittsgeschwindigkeit 21 km/h. Zu Hause stellte ich fest, dass ich in Bad Münstereifel oder zwischendurch mindestens ein Bitburger zu wenig getrunken hatte. Denn ich hatte einen solchen Flüssigkeitsverlust, dass der Durst mich peinigte. Ich hätte ganze Fässer leer trinken können. Ungefähr bis zum nächsten Tag dauerte es, bis sich mein Wasserhaushalt im Körper wieder reguliert hatte.

Sonst war ich schnell wieder topfit.


Montag, 11. Juni 2012

Licht und Konstanz

Ich muss mich korrgieren. Bis in den März hinein habe ich Blogs geschrieben, dass sich die dunkle Jahreszeit dem Ende zuneigt und dass im Frühling meine Stimmung einen Höhepunkt erreicht, weil das Farbenspiel so bunt ist. Und dass es keine schönere Jahreszeit gibt, weil die komplette Natur wieder zu neuem Leben erweckt wird. Ungefähr im 14-Tages-Rhythmus habe ich meine Stimmungen – allesamt in den buntesten Farben – dokumentiert. Dass ich mit voller Pulle in den Frühling hinein gestartet bin.

Offen habe ich gelassen, wie es nach dem Frühling weiter geht. Voller Ungewissheit steckte ich, wie sich meine Stimmungen entwickeln, wenn der Frühling Fuß gefasst hat. Würde diese beschwingende Stimmung abreißen, wenn sich die Natur in all den Grüntönen ausgebreitet hat: all die grünen Weidenarten, hochschießendes Gras, stachelige Brennesseln, Rasen in den Vorgärten, Pappelreihen, Baumalleen, Strauchwerk, Hängegewächse. Ich habe festgestellt: Grün vermittelt eine positive Grundstimmung, Grün belebt; es ist schön, in jedem Winkel der Natur auf all die Facetten von Grüntönen zu stoßen.

Ich muss mich korrigieren. Meine Stimmungen halten das hohe Niveau. Nachdem der Frühling in die Gänge gekommen ist, bin ich sogar stolz darauf, seit rund zwei Monaten nichts mehr über meine wechselnden Tagesstimmungen in der Natur geschrieben zu haben. In den letzten Wochen habe ich festgestellt, dass meine Stimmung von mehr als der Natur geprägt wird – das ist Licht und Konstanz.

Mitte Juni – das sind die längsten Tage des Jahres. Licht durchflutet die Tage. Helligkeit von morgens früh bis abends spät. Und die paar Regenschauer, die trübe Wolken übers Land schicken, sind gar nicht schlimm. Das Sonnenlicht kehrt danach wieder, es rieselt vom Himmel, denn der Schauer hat sich im Handumdrehen wieder verzogen. Das Licht spendiert eine Überfülle und begleitet mich treu über die Tage hinweg.

Kreativität und Ideen - ich spüre, wie mich das Licht vorantreibt. Es steht über meinen Stimmungen. Nicht meine Gefühle treiben mich in eine unbestimmte Richtung, sondern ich bin es selbst, der mit meinen Gefühlen Ideen gestaltet und eine Richtung entwickelt.

Tagesschwankungen sind wie das Wetter: der Regen kommt und vergeht, Sonne und Licht finden zu einem festen Punkt zurück. Das Licht ist eine Konstante - so wie als Familie, mit Freunden oder in sozialen Netzwerken, mit denen man verwurzelt ist. Wenn ich unruhig bin, fängt das Licht mich wieder auf. Wenn etwas schief läuft, nehme ich es gelassen hin. Überlegend, abwägend, rational schreite ich vorwärts.

Das einzige, was mich in den nächsten Wochen noch umhauen kann, sind die Hitzewellen. Wenn es drückend und schwül und feucht wird. Wenn der Schweiß von der Stirn rinnt und Abkühlungen nur der Tropfen auf den heißen Stein sind. Aber auch dies haben wir in den vergangenen Jahren mitgemacht und überlebt. Dann muss man sich mit schwierigen Situationen arrangieren.

Licht und Konstanz - ich denke, dass mich fast über das ganze Jahr hinweg das Licht faszinieren wird. Selbst in der dunklen Jahreszeit entfaltet das spärliche Licht seine eigenwilligen Reize. Wenn mich nicht gerade Schicksalsschläge heimsuchen, werde ich mich in meiner Haut, so wie ich bin, wohlfühlen. Wie weggehoben werde ich mich fühlen. Ruhig und konstant.

Sonntag, 10. Juni 2012

Wochenrückblick #23

Im Schrebergarten
Wir haben Freunde in Düsseldorf besucht, die seit 20 Jahren einen Schrebergarten besitzen. Vor vier Jahren haben sie sich ein Einfamilienhaus gekauft, und weil das Grundstück sehr klein ist, haben sie ihren Schrebergarten behalten. Das Wetter war sonnig und angenehm warm, so dass wir im Schrebergarten gegrillt haben und es uns den ganzen Nachmittag gemütlich gemacht haben. Der Schrebergarten war wie eine Oase mitten in der Großstadt. Unser kleines Mädchen konnte nach Herzenslust auf dem Rasen spielen. Einen kleinen Teich hatten sie angelegt. Große, wuchernde Rhododendron-Büsche waren bereits verblüht. Farbakzente setzten rosaner Fingerhut, rote Lupinen und blauer Rittersporn. Besonders gefreut habe ich mich, dass ich die Blume auf dem Logo von Jo's Garten entdeckt habe: die blaue Garten-Kornblume.



Radtour mit dem Trekking-Rad
Eigentlich hatte ich eine weniger ambitionierte Radtour in größerem Kreis geplant. Doch von den sechs Personen, die ursprünglich Interesse bekundet hatten, war nur einer übrig geblieben. Aber weder die geringe Personenzahl, noch das überwiegend regnerische Wetter konnten uns diese Tour vermiesen. Am Kölner Hauptbahnhof hatten sich ein früherer Arbeitskollege und ich getroffen, mit normalen Tourenrädern sind wir über Brühl nach Erftstadt gefahren, an unserem Zielort Bonn hatten wir insgesamt 60 km zurückgelegt. Über die komplette Strecke ging es entweder über separate Radwege oder über Wirtschaftswege mitten durchs Feld oder durch den Wald. Höhepunkte der Tour waren das Wasserschloß in Erftstadt-Liblar sowie der große, ausladende Marktplatz in Erftstadt-Lechenich, wo wir in einer Pizzeria zu Mittag gegessen haben. Wenn man von dem zeitweisen Regen absieht, war es eine tolle Tour, die landschaftlich schön war und die wir in einem nicht zu hohen Fahrtempo genossen haben.



Im Regen
Letzten Montag musste ich pünktlich um 18 Uhr zu Hause sein, weil ich unser kleines Mädchen vom Klavierunterricht abholen musste. Wie üblich, fuhr ich mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause. Da im ARD-Morgenmagazin Regen vorhergesagt wurde, hatte ich den Regen-Poncho mitgenommen. Etwa 5 km, bevor ich zu Hause ankam, war es soweit. Aus meteorologischer Sicht war es eine klassische, scharf ausgeprägte Kaltfront. Dicke Wolkenpakete waren bereits über mich hinweggezogen, und mit einem Mal begann es zu schütten. Ich zog den Regen-Poncho an, eine Weile wartete ich ab, doch ich musste nach Hause, um unser kleines Mädchen abzuholen. Es stürmte, der Regen klatschte auf die Straße. Der Regen-Poncho half da wenig. Von unten wirbelte der Wind den Regenschutz auf, und ich kam mir vor, als könnte ich jeden Moment wegfliegen. Beine, Knie und Oberschenkel frei, klatschte der Regen genau auf diejenigen Stellen meines Körpers, die ich eigentlich schützen wollte. Bis zu Hause hielt ich durch und kam triefend naß an. Bis auf die Haut durchnäßt, war dies eine Sauerei. Erst einmal musste ich mich umziehen.

Haustier
Bevor wir in unser jetziges Haus umgezogen sind, hatten wir eine Katze, die uns allerdings weggelaufen ist. Daher gibt es bei uns immer wieder mal Diskussionen, dass wir gerne eine Katze hätten. Diese sollte möglichst jung und neugeboren sein, da wir damals ein neugeborenes Katzen-Baby aus der Nachbarschaft bekommen hatten und dies sehr schön fanden. Bereits vor zwei Jahren hätten wir in unserer Nachbarschaft ein Katzen-Baby ungefähr um diese Jahrezeit bekommen können. Das Problem war allerdings, dass wir in den ersten 6 Wochen die Katze in unserem Haus halten wollten und erst danach nach draußen in unseren Garten ins Freie lassen wollten. Wir haben einen Wintergarten, der sich insbesondere im Sommer irre aufheizt, so dass wir um diese Jahreszeit nicht sämtliche Türen für eine Dauer von 6 Wochen verschlossen halten können. Kürzlich hat uns eine Freundin meiner Frau wieder ein Katzen-Baby angeboten. Dies mussten wir wegen der sommerlichen Jahreszeit erneut ablehnen. Wir hoffen aber, dass irgendwann die richtige Jahreszeit kommt, dass uns ein Katzen-Baby angeboten wird und dass wir dieses auch annehmen können ....

Wirtschaftswoche
Einmal monatlich lese ich die Wirtschaftswoche, weil die wirtschaftliche Sichtweise des öfteren in einen wahren Kern bei den Alltagsthemen hineinführt.
(1)
So wie in den übrigen Massenmedien, wurden in einer Sonder-Beilage Beiträge über die Fußball-Europameisterschaft geschrieben. Dabei ging es um Geldflüsse (Deutsche Fußball-Liga, Senderechte, Vereine, Sponsoren, Werbung, usw.), um Spielergehälter und dass viele Spielerprofis für die Zeit nach ihrer Profikarriere nicht vorgesorgt haben. So ging zuletzt der Ex-Bundesliga-Profi Ailton (Werder Bremen, FC Schalke 04) ins Dschungel-Camp, um seine desolate finanzielle Situation aufzubessern. Viele Bundesligaspieler leben im Luxus und verbrauchen ihr horrendes Einkommen während ihrer Spielerkarriere und haben für die Zeit danach keine finanziellen Reserven aufgebaut. Das stärkste Nachdenken hat bei mir ein Beitrag über Fußballspiele unter Flutlicht erzeugt (was in den Wintermonaten durchaus keine Seltenheit ist): so verbraucht die Flutlichtbeleuchtung beispielsweise im Stadion von Borussia Dortmund während eines einzigen Bundesligaspiels so viel Strom wie ein Einfamilienhaus über ein ganzes Jahr verbraucht.
(2)
All die ARD-Markenchecks, die auch Themen in meinen Blogs sind, erzielen durchaus eine Wirkung (in meinem Blog "Ethik und Konsum" hatte ich dies eher in Frage gestellt). Und zwar wurde nachgewiesen, dass dies über das Markenimage geschieht. Laut Kundenbefragungen machen etwa 15% des Markenimages die Themen Nachhaltigkeit, Ethik und Arbeitsbedingungen aus. Und das Markenimage - also: ob der Kunde eher positives oder negatives mit der Marke assoziiert - wirkt sich direkt auf den Umsatz aus. So war Mac Donald's aktiv in die Kommunikation gegangen, dass artgerechtes Fleisch aus regionaler Produktion verwendet wird. Der ARD-Markencheck deckte aber auf, dass dies nicht stimmte: so ließen die Verträge der Lieferanten von Hühnerfleisch eine artgerechte Haltung nicht zu, ebenso gab es bei Mc Donald's nehazu keine Qualitätskontrollen, ob das Fleisch aus artgerechter Tierhaltung stammte bzw. aus regionaler Produktion. Für Mc Donald's wurde dieser Fehler in der Kommunikation zum Debakel, weil zum einen das Markenimage ramponiert war und zum anderen nach Ausstrahlung der Sendung die Umsätze zurückgingen. Zude dürfte es Mc Donald's auf absehbare Zeit schwer fallen, dieses Markenimage wieder aufzubauen, da Mc Donald's in der Kommunikation nunmehr für unglaubwürdig gehalten wird und die Botschaften beim Kunden nur noch schwer ankommen.

Mittwoch, 6. Juni 2012

D-Day

Die Deutschen wussten, die Operation würde kommen. Das hatten die Alliierten auf der Konferenz von Teheran 1943 beschlossen. Auch Stalin drängte darauf, denn eine Invasion in Frankreich würde den Weg ebnen für eine Befreiung Russlands. Aber wann ?

D-Day – dieser Begriff symbolisiert das Unbekannte, die fehlenden Buchstaben. Decision Day, Delivery Day, Doomsday, Debarkation Day könnte es heißen, doch belegt ist nichts, wofür die restlichen Buchstaben stehen. D-Day – entstanden ist dieser Begriff im ersten Weltkrieg, als bei einer Schlacht an der Maas das Angriffsdatum der amerikanischen Truppen offen gelassen wurde.

Am 6. Juni 1944 kam der entscheidende Tag. Das war heute vor genau 68 Jahren. Dieser Tag berührt mich jedes Jahr, weil wir auf der Abschlussfahrt unserer Abiturklasse in die Normandie manche Orte gesehen hatten, wo die entscheidenden Schlachten der Alliierten Landung getobt hatten.

Weil der Tag offen war, setzten die Alliierten auf Überraschungen. Die deutschen Truppen rechneten mit einer Invasion an der kürzesten Stelle zwischen England und Frankreich – das war von Dover nach Calais – während der Nachtstunden.

Munitiös und bis ins kleinste musste für diesen Tag geplant werden. Deutsche und Alliierte überwachten sich gegenseitig, denn die logistische Herausforderung, diese Größenordnung von Menschen und Material zu bewegen, war riesig. Flugzeuge mussten bereitgestellt werden, Soldaten mussten mit Fallschirmen an die französische Küste geflogen werden. Flugzeugträger mussten den Ärmelkanal überqueren. Panzer mussten in Schiffen transportiert werden. Und dies in einer solchen Stärke, dass man den deutschen Truppen deutlich überlegen sein sollte. Der Feind durfte nichts bemerken. Es musste möglichst lange dauern, bis er dorthin seine Truppen zusammenzog. Alles musste auf einen Schlag gehen. Möglichst lange den Überraschungseffekt ausnutzen.

Bei der Planung ging es auch um die Entscheidung, wo genau die Landung stattfinden sollte. Rein theoretisch konnte dies von der niederländischen Nordseeküste bis runter an die bretonische Atlantikküste in Frankreich geschehen. Taucher durchsuchten das Meer nach Hindernissen und Riffen. Aufklärungsflugzeuge beobachteten die Truppenbewegungen im Hinterland. Und es wurde mehrfach in unterschiedlichen Küstenabschnitten ausgespäht – damit der Feind keine Rückschlüsse auf einen ganz bestimmten Bereich ziehen konnte.

Vor allem wurde präzises geologisches Kartenmaterial benötigt. So rief der englische Rundfunk die Bevölkerung auf, Postkarten und Urlaubsfotos von der französischen Atlantikküste zur Verfügung zu stellen. Innerhalb kurzer Zeit gingen 9 Millionen Fotos ein. Die militärischen Planer mussten wissen, wo steile Felsen waren - teilweise ragte diese 150 Meter aus dem Meer. Im Gebiet des Carentin und im Mündungsbereich der Somme dehnten sich weite Moorgebiete aus. Große Kerngebiete der Normandie waren durch Wallhecken geprägt, die bis zu 2000 Jahre alt waren. Diese Wallhecken waren bis zu vier Meter hoch, und in Heckengefechten hätte man sich von Feld zu Feld vorankämpfen müssen.

Die Alliierten entschieden sich für die Bucht zwischen der Mündung der Seine und Cherbourg. Das war ungefähr die weiteste Entfernung zwischen England und Frankreich – eine aus logistischer Sicht schwierige Variante. Bei Sonnenaufgang gegen 5 Uhr landeten 170.000 Soldaten. Starker Dunst beeinträchtigte die Sicht, und etliche Soldaten verfehlten ihr Ziel und landeten im Meer oder weit im Hinterland. 11.590 Flugzeuge hatten die Soldaten transportiert. 1.400 Frachtmaschinen wurden eingesetzt. 6.000 Schiffe überquerten den Ärmelkanal.

Nach heftigen und blutigen Kämpfen erreichten die Alliierten ihr Ziel. Der Brückenkopf zur Normandie hielt gegen den Widerstand der deutschen Truppen. Kurz darauf wurde Cherbourg erobert und diente als Kriegshafen.

4.300 alliierte Gefangene wurden getötet. Zu den deutschen Toten habe ich keine Zahlen recherchieren können. Die Halbinsel Cotentin, auf der die ersten Kämpfe tobten, ist mit Soldatenfriedhöfen übersät.