Eigentlich bin ich ein schlechter Geschichtenerzähler. Ich
kann nichts aus dem Stehgreif erzählen. Ich muss es mir aufschreiben, um es
erzählen zu können. Dennoch lese ich gerne unserem kleinen
Mädchen die Gutenachtgeschichte vor. Ihre Bettdecke bis über die Schultern
gezogen, schaut sie mich mit großen Augen an.
Nicht immer bin ich an der Reihe – je nachdem, welche
Arbeiten in Küche und Garten noch zu erledigen sind. Wenn ich vorlese, genieße
ich die Geschichten aus den Kinderbüchern. Unbeschwert wird drauflos erzählt.
Alles ist echt, keiner biegt sich selbst zurecht. Am Ende haben sich alle lieb.
Manches ist so lustig erzählt, dass wir beide uns vor Lachen kaum noch
einkriegen können.
Zuletzt war Karlsson vom Dach an der Reihe. Drollig, wie er
mit seinem Propeller in die Häuser hinein fliegt und dort Unsinn anstellt. Nun
lesen wir Till Eulenspiegel. Närrisch, wie er in Norddeutschland die Menschen
mit seinen Streichen an der Nase herum führt. Davor haben wir die Kleine Hexe
gelesen.
Ottfried Preussler: erst beim Schreiben habe ich
herausgefunden, dass der Kinderbuchautor noch lebt und heute 85 Jahre alt ist. Die
Kleine Hexe ist bereits im Jahr 1957 erschienen. Erstaunt habe ich
festgestellt, dass das Buch auf der ganzen Welt gelesen wird – die Übersetzungen
reichen von Russland über Indonesien, Thailand und Japan bis nach China.
Die Geschichte der Kleinen Hexe rankt sich um ihr Alter.
Es fängt an wie in jedem Märchen: „es war einmal eine Kleine Hexe, die war erst
127 Jahre alt, und das ist für eine Hexe noch gar kein Alter. Sie wohnte in
einem Hexenhaus … „
Bibi Blocksberg, Hexe Lilli und die Kleine Hexe:
Hexengeschichten gehören für mich zu den schönsten Kindergeschichten. Sie
stecken voller Überraschungseffekte, wenn aus dem Nichts gezaubert wird. Wenn
Unangenehmes einfach weggezaubert wird. Oder wenn etwas schnell daher gezaubert
wird, was man sich sonst mühsam erarbeiten müsste. Oder wenn Menschen
verzaubert werden und sich so verhalten, wie sie gar nicht sind. Beim Zaubern
macht es Kling-Kling oder es knallt – dieser Augenblick steckt voller Spannung.
Die Kleine Hexe möchte gerne mit den großen Hexen auf dem
Blocksberg die Walpurgisnacht feiern. Ein großes Feuer wird angezündet, die
Hexen tanzen und fliegen auf ihren Besen durch die dunkle Nacht. Zwischen die
großen Hexen hat sie sich hinein gemischt. Das ist aber verboten, denn mit
ihren 127 Jahren ist sie zu jung. Dies ist ein Alter, das mit dem menschlichen
Verstand nicht mehr begreifbar ist. 127 Jahre und zu jung: wie alt mögen die
großen Hexen sein ? Sie bekommt ihre Strafe aufgebrummt, dass sie nur noch Gutes
hexen soll, außerdem wird ihr Besen verbrannt.
Mucksmäuschenstill ist unser kleines Mädchen, wenn ich
vorlese. Voller Spannung erwartet sie das nächste Kapitel. Sie hebt ihren Kopf,
um noch aufmerksamer zuhören zu können. Ihr Kuschelpferd hat sie beiseite
gelegt. Meine Ellbogen lehne ich über den Rand ihres Hochbetts. Ab und an wird
die andächtige Stille unterbrochen, wenn ein Auto vor unserem Haus vorbei
fährt.
So wie von den Großen Hexen gewünscht, setzt die Kleine Hexe
ihre Zaubersprüche gegen böse Zeitgenossen ein. Zankende Kinder, die einen
Schneemann zerstören wollen, werden vertrieben. Sie verhindert, dass ein Ochse
bei einem Schützenfest geschlachtet wird. Ein Revierförster, der alten Frauen
verboten hat, im Wald Klaubholz zum Heizen zum sammeln, wird verhext und
sammelt selbst das Klaubholz ein. Ihr Drang nach guten Taten nimmt kein Ende –
ein Kastanienverkäufer braucht bei eisiger Kälter nicht mehr zu frieren – ein armes
Mädchen mit zahlreichen Geschwistern, dessen Vater gestorben ist, bessert das
Familieneinkommen durch den Verkauf von Papierblumen auf.
Von der Hörcassette, die wir im Auto rauf und runter gehört
haben, habe ich noch das Lied der Hexen auf dem Blocksberg in den Ohren:
„Heia Walpurgisnacht …
… heia der Vollmond kracht
… heia heia hooo …“
Mysteriös und kraftvoll ist dieses Lied zugleich. In dem
Buch habe ich gelernt was es alles für Arten von Hexen gibt: Berghexen,
Waldhexen, Sumpfhexen, Nebelhexen, Wetterhexen, Windhexen, Knusperhexen,
Kräuterhexen.
Sie alle versammeln sich ein Jahr später. Der Hexenrat
entscheidet, ob sie bei der Walpurgisnacht mit dabei sein kann. Sie muss eine
Prüfung bestehen und Aufgaben zur Zauberei lösen. Dies schafft die Kleine Hexe
bravourös. Ihrem Ziel ist sie ganz nahe gekommen. Doch dann scheitert sie an
einer Wortverdreherei. Eine gute Hexe ist eine böse Hexe – also hätte sie Böses
hexen sollen. Sie blamiert sich bis auf die Knochen. Zur Strafe soll sie Holz
für das Hexenfeuer einsammeln. Sie soll an einen Baum gebunden werden und
zuschauen. Ein vernichtendes Urteil. Doch sie rächt sich: mit einem Hexenspruch
sammelt sie sämtliche Zauberbücher und Besen der Hexen ein und macht daraus ein
Feuer. Ganz alleine feiert sie die Walpurgisnacht. All die anderen Hexen
schickt sie in die Hölle.
Unser kleines Mädchen kuschelt sich ins Kopfkissen ein. Sie
trinkt, nachdem ich ihr ein Glas Mineralwasser geholt habe. Ihre Augen werden
kleiner und fallen schnell zu. Morgen geht es wieder in die Schule.