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Mittwoch, 22. August 2012

Leen Huet & Jan Grieten - Nicolaas Rockox, Burgemeester van de gouden eeuw



Zugegeben, dem potenziellen Leser mag die Sprache ein Hindernis sein, denn das Buch ist auf niederländisch geschrieben. Aber es ist Wert gelesen zu werden, denn es steckt voller Spannung, es ist abwechslungsreich und es fesselt bis zum Schluß. Das Delikate ist: die Co-Autorin Leen Huet hat eine eigene Blog-Seite, auf der es vor lauter historischen und zeitgeschichtlichen Betrachtungen nur so wimmelt. Tiefsinnig, kann man an der Denkwelt dieser gestandenen Historikerin teilhaben, man kann bloggen, sich austauschen.

Die Co-Autorin Leen Huet hat in Belgien ein umfangreiches Werk veröffentlicht. Ihre Bücher befassen sich vor allem mit Geschichte und Kunstgeschichte, aber auch Romane und Anektoden hat sie geschrieben. Ähnlich wie Thea Dorn für Deutschland, ist sie in dem Buch „Mijn Belgie“ der belgischen Seele auf die Spur gekommen.

Antwerpen im 16. Jahrhundert. Unter der Hanse waren die Städte Flanderns zu den reichsten in Europa aufgestiegen, darunter auch Antwerpen. Handel und der Hafen bedeuteten eine wirtschaftliche Macht, die durch den Niedergang Brügges noch verstärkt wurde.

In dieser Blütezeit platzte die Reformation hinein und riss ganz Europa auseinander. Ideologischer Streit, Machtkämpfe, Gewalt, Uneinigkeit herrschte zwischen den religiösen Gruppierungen. Genau in dieser Epoche wurde Rockox Bürgermeister von Antwerpen und geriet mitten in die religiösen Frontlinien hinein.

Die Biografie lässt sich in zwei Teile unterteilen. Ausgehend von der geschichtlichen Großwetterlage, führt der erste Teil an Rockox‘ Persönlichkeit heran. Huet und Grieten erzählen in kleinen Episoden – meist zwei bis drei Seiten lang – wie die geschichtlichen Rahmenbedingungen ausgesehen haben, namentlich die Herrschaft der Spanier, die Bildung der vereinigten Provinzen der Niederlande und die Reformation. Darin eingebettet, erzählen Huet und Grieten Rockox’ Lebenslauf – Geburt 1560, Studium, Hochzeit mit Adriana Perez, Bürgermeister, Tod 1640 und vieles mehr. Mit der Kürze der Erzählsequenzen wird man als Leser nicht erschlagen mit geschichtlichen Fakten, Personen, Herrschern oder Orten.

Mitreißend sind diejenigen Kapitel geschrieben, in denen dramatische Ereignisse Antwerpen überfallen. Das war zum einen der Bildersturm 1566. Dort entlud sich eine Energie, die man ungefähr mit dem religiösen Fanatismus von radikalen Islamisten heutzutage vergleichen kann. Damals in Antwerpen sprengten sich keine Selbstmordattentäter in die Luft, anstatt dessen ließen protestantische Bilderstürmer den Haß auf Katholiken freien Lauf. Sie drangen in die Antwerpener Kirchen ein, schlug alles klein, was nicht niet- und nagelfest war, zerstörten Altäre, Bilder, Kanzel, Orgel und vieles mehr.

1576 folgte das nächste Unheil: die Spanier. Über mehrere Monate hinweg war den spanischen Besatzungstruppen kein Sold mehr gezahlt worden. Um die Liquidität wiederherzustellen, entschlossen sie sich, Antwerpen zu plündern. Die Stadt wurde ausgepresst wie eine Zitrone, alle Habseligkeiten kassierten sie ein. Auf Niederländisch ist das packend beschrieben:
„Toen de Spanjaarden de stad veroverd en al hun vijanden verjaagd of gedood hadden, zijn ze terstond de woningen van de burgers binnengevallen. Waar men de deuren niet meteen opende, schoten zij ze open of braken ze in stukken …“
Wie bereits nach dem Bildersturm, erholte sich Antwerpen irgendwann. Wohlstand und Reichtum blühten wieder auf.

Und als ob es mit all dem Unheil noch nicht genug gewesen wäre, folgt ein Ereignis, welches für Jahrhunderte des Schicksal besiegeln sollte: die Belagerung von Antwerpen. Diese war ein militärisch kompliziertes Unterfangen, da Antwerpen über die Westerschelde von der Nordsee aus erreichbar war. Zunächst mussten die spanischen Belagerer mehrere Forts bauen, dann mehrere Schiffe in die 300 Meter breite Durchfahrt hinein. Es wurden mehrere Schlachten gegen die Schiffe in der Durchfahrt geschlagen, doch es gelang kein Durchbruch. 1585 kapitulierte Antwerpen. 1585 war ein Jahr, das über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg das Schicksal Antwerpens bestimmen sollte. Die nördlichen niederländischen Provinzen hielten die Seeblockade aufrecht. Davon sollte Amsterdam profitieren, dessen Hafen die Bedeutung Antwerpens übernahm. Im Laufe der Jahrhunderte schrumpfte die Einwohnerzahl Antwerpens von 100.000 auf 40.000.

Bürgermeister ? Hierzulande mag man die Einstellung haben, dass sie mit ihren Allerweltsthemen in der Bedeutungslosigkeit versinken: mit welchen Steinmustern öffentliche Plätze gestaltet werden sollen, bis wann nachts Biergärten geöffnet haben dürfen, wie man den Brandschutzvorschriften in neu gebauten Umkleideräumen des Sportvereins genügen kann, wie Leuchtreklamen in Fußgängerzonen auszusehen haben usw.

Rockox war insofern anders, weil er über 26 Jahre Bürgermeister war. Dies in der damals reichsten Stadt Europas, in einer Blütezeit von Kunst und Wissenschaften und an wichtigen Schnittstellen zu bedeutenden Persönlichkeiten. Er war ein Netzwerker – so würde man heute sagen. Er schaffte es, maßgebliche geistige Strömungen in Antwerpen zu bündeln. Dabei war sein größter Coup, Peter Paul Rubens nach Antwerpen zu holen, wobei er die Künstler – nicht nur Rubens – teilweise finanzierte. Nicht nur wegen Rubens wurde diese Epoche als das „Goldene Jahrhundert“ (siehe Buchtitel: het gouden eeuw) Antwerpens bezeichnet. Von der Schaffenskraft dieser Epoche kann man in den Museen und Kirchen Antwerpens heutzutage noch sehr vieles bestaunen.  

Nach Rockox’ Tod folgt im zweiten Teil ein Perspektivenwechsel. Huet und Grieten erzählen über Rockox nicht in einem chronologischen Zeitverlauf, sondern sie nähern sich seiner Person über Gemälde. Sein früheres Wohnhaus, das Rockoxhaus, kann heutzutage besichtigt werden. Es beherbergt eine Schatzkammer der Malerei zu seiner Zeit. Auch das ist faszinierend zu lesen, wie sich Gemälde zu geistigen Strömungen verdichten. Diese Strömungen waren im ersten Teil aus der chronologischen Perspektive beleuchtet worden.

Beispiel für ein Gemälde ist „Der ungläubige Thomas“ von Rubens. Das Gemälde wurde über dem Grab der Eheleute Rockox in der Minderbroerskerk aufgestellt. Aus diesem Gemälde entwickeln Huet und Grieten eine Rollenbeschreibung, wie Antwerpen es unter seiner Mitwirkung geschafft hat, zersplitterte und verfeindete religiöse Gruppierungen zusammenzuführen. Nachdem zuvor protestentische bzw. calvinistische Bewegungen die Stadt im Griff hatten, wurde Antwerpen 1585 mit der Eroberung durch die Spanier katholisch. Folgerichtig wurde 1586 der katholische Bischof Torrentius eingeführt. Alle protestantischen Einwohner mussten Antwerpen verlassen. Eigentlich nicht anders als heute, geschahen Ausgleich und Gleichberechtigung über Verteilalgorithmen von Geldern. Dafür war Rockox mit seinem katholischen Magistrat zuständig. Er förderte gleichmäßig Kirchen und Klöster, Katholiken und Protestanten, größere und kleinere religiöse Gruppierungen. Dabei kam auch ein Konsens zustande, welche Religion in welcher Kirche den Gottesdienst feiern konnte. Unter seiner Mitwirkung wurden Fakten geschaffen, so dass letztlich die Ausweisung aller Protestanten obsolet war.

Ein anderes Gemälde „Die vier Philosophen“ beschreibt die geistigen Strömungen in Antwerpen – nach der Wortbedeutung der Renaissance als Wiedergeburt aus der Antike. Schon auf der Ebene der Religion werden unterschiedliche Strömungen zusammengeführt: Lipsius, ein Freund Plantijns, hat als Professor für Rechtswissenschaften und Geschichte vier Jahre an der protestantischen Universität in Leiden in den Niederlanden gelehrt und wird neben den Katholiken Schottus und Torrentius dargestellt. Lipsius’ Werk ist riesig und reicht von Philologie, Philosophie, römischer Geschichte, Politik über Rechtswissenschaften bis zu Seneca oder Tacitus. Plantijn, der humanistische Schriften wie „Spiegel der Gerechtigkeit“ verfasst hat, hat sogar eine orthodoxe Bewegung „Huis ter Liefde“ unterstützt, die durch eine Wiedertaufe die Seele der Menschen reinigen wollte. Ganz nebenher entwickelte sich Antwerpen unter ihm zu einem Zentrum des Buchdrucks. Torrentius, der bereits erwähnte Bischof von Antwerpen, hat, aufsetzend auf Horaz, lateinische Gedichte verfasst. Schottus war lange in Spanien an den Universitäten von Toledo und Zaragoza als Professor für antike Geschichte tätig. In Antwerpen übersetzte er das Werk des Spaniers Agustin, das sich mit der griechischen Antike befasste, ins Lateinische und ins Niederländische. Rockox war hier Netzwerker. Selbst hatte er keine Schriften verfasst, aber er brachte bedeutende Persönlichkeiten zusammen. In seiner Epoche wurde Antwerpen zu einem Zentrum des Humanismus, einer Bewegung, die ursprünglich von den Niederlanden ausging und in der Renaissance ganz Europa erfasste.

Pragmatische Toleranz – gekonnt fassen Huet und Grieten Rockox' Schaffen in diesem Begriff zusammen.

Beginnend beim Schatz von Mespelare und endend bei Rockox‘ Wohnhaus ist die Biografie spannend, anschaulich, nicht überladen mit Fakten und Details beschrieben. So wie ich über Marguerite Yourcenar geschrieben habe: eine Begegnung auf Augenhöhe mit den beiden Autoren. Danke an die beiden Autoren für die höchst lesenswerte Biografie ! 

Freitag, 15. Juni 2012

Ottfried Preussler - Die Kleine Hexe

Eigentlich bin ich ein schlechter Geschichtenerzähler. Ich kann nichts aus dem Stehgreif erzählen. Ich muss es mir aufschreiben, um es erzählen zu können. Dennoch lese ich gerne unserem kleinen Mädchen die Gutenachtgeschichte vor. Ihre Bettdecke bis über die Schultern gezogen, schaut sie mich mit großen Augen an.

Nicht immer bin ich an der Reihe – je nachdem, welche Arbeiten in Küche und Garten noch zu erledigen sind. Wenn ich vorlese, genieße ich die Geschichten aus den Kinderbüchern. Unbeschwert wird drauflos erzählt. Alles ist echt, keiner biegt sich selbst zurecht. Am Ende haben sich alle lieb. Manches ist so lustig erzählt, dass wir beide uns vor Lachen kaum noch einkriegen können.

Zuletzt war Karlsson vom Dach an der Reihe. Drollig, wie er mit seinem Propeller in die Häuser hinein fliegt und dort Unsinn anstellt. Nun lesen wir Till Eulenspiegel. Närrisch, wie er in Norddeutschland die Menschen mit seinen Streichen an der Nase herum führt. Davor haben wir die Kleine Hexe gelesen.

Ottfried Preussler: erst beim Schreiben habe ich herausgefunden, dass der Kinderbuchautor noch lebt und heute 85 Jahre alt ist. Die Kleine Hexe ist bereits im Jahr 1957 erschienen. Erstaunt habe ich festgestellt, dass das Buch auf der ganzen Welt gelesen wird – die Übersetzungen reichen von Russland über Indonesien, Thailand und Japan bis nach China.

Die Geschichte der Kleinen Hexe rankt sich um ihr Alter. Es fängt an wie in jedem Märchen: „es war einmal eine Kleine Hexe, die war erst 127 Jahre alt, und das ist für eine Hexe noch gar kein Alter. Sie wohnte in einem Hexenhaus … „

Bibi Blocksberg, Hexe Lilli und die Kleine Hexe: Hexengeschichten gehören für mich zu den schönsten Kindergeschichten. Sie stecken voller Überraschungseffekte, wenn aus dem Nichts gezaubert wird. Wenn Unangenehmes einfach weggezaubert wird. Oder wenn etwas schnell daher gezaubert wird, was man sich sonst mühsam erarbeiten müsste. Oder wenn Menschen verzaubert werden und sich so verhalten, wie sie gar nicht sind. Beim Zaubern macht es Kling-Kling oder es knallt – dieser Augenblick steckt voller Spannung.

Die Kleine Hexe möchte gerne mit den großen Hexen auf dem Blocksberg die Walpurgisnacht feiern. Ein großes Feuer wird angezündet, die Hexen tanzen und fliegen auf ihren Besen durch die dunkle Nacht. Zwischen die großen Hexen hat sie sich hinein gemischt. Das ist aber verboten, denn mit ihren 127 Jahren ist sie zu jung. Dies ist ein Alter, das mit dem menschlichen Verstand nicht mehr begreifbar ist. 127 Jahre und zu jung: wie alt mögen die großen Hexen sein ? Sie bekommt ihre Strafe aufgebrummt, dass sie nur noch Gutes hexen soll, außerdem wird ihr Besen verbrannt.

Mucksmäuschenstill ist unser kleines Mädchen, wenn ich vorlese. Voller Spannung erwartet sie das nächste Kapitel. Sie hebt ihren Kopf, um noch aufmerksamer zuhören zu können. Ihr Kuschelpferd hat sie beiseite gelegt. Meine Ellbogen lehne ich über den Rand ihres Hochbetts. Ab und an wird die andächtige Stille unterbrochen, wenn ein Auto vor unserem Haus vorbei fährt.

So wie von den Großen Hexen gewünscht, setzt die Kleine Hexe ihre Zaubersprüche gegen böse Zeitgenossen ein. Zankende Kinder, die einen Schneemann zerstören wollen, werden vertrieben. Sie verhindert, dass ein Ochse bei einem Schützenfest geschlachtet wird. Ein Revierförster, der alten Frauen verboten hat, im Wald Klaubholz zum Heizen zum sammeln, wird verhext und sammelt selbst das Klaubholz ein. Ihr Drang nach guten Taten nimmt kein Ende – ein Kastanienverkäufer braucht bei eisiger Kälter nicht mehr zu frieren – ein armes Mädchen mit zahlreichen Geschwistern, dessen Vater gestorben ist, bessert das Familieneinkommen durch den Verkauf von Papierblumen auf.

Von der Hörcassette, die wir im Auto rauf und runter gehört haben, habe ich noch das Lied der Hexen auf dem Blocksberg in den Ohren:
„Heia Walpurgisnacht …
… heia der Vollmond kracht
… heia heia hooo …“

Mysteriös und kraftvoll ist dieses Lied zugleich. In dem Buch habe ich gelernt was es alles für Arten von Hexen gibt: Berghexen, Waldhexen, Sumpfhexen, Nebelhexen, Wetterhexen, Windhexen, Knusperhexen, Kräuterhexen.

Sie alle versammeln sich ein Jahr später. Der Hexenrat entscheidet, ob sie bei der Walpurgisnacht mit dabei sein kann. Sie muss eine Prüfung bestehen und Aufgaben zur Zauberei lösen. Dies schafft die Kleine Hexe bravourös. Ihrem Ziel ist sie ganz nahe gekommen. Doch dann scheitert sie an einer Wortverdreherei. Eine gute Hexe ist eine böse Hexe – also hätte sie Böses hexen sollen. Sie blamiert sich bis auf die Knochen. Zur Strafe soll sie Holz für das Hexenfeuer einsammeln. Sie soll an einen Baum gebunden werden und zuschauen. Ein vernichtendes Urteil. Doch sie rächt sich: mit einem Hexenspruch sammelt sie sämtliche Zauberbücher und Besen der Hexen ein und macht daraus ein Feuer. Ganz alleine feiert sie die Walpurgisnacht. All die anderen Hexen schickt sie in die Hölle.

Unser kleines Mädchen kuschelt sich ins Kopfkissen ein. Sie trinkt, nachdem ich ihr ein Glas Mineralwasser geholt habe. Ihre Augen werden kleiner und fallen schnell zu. Morgen geht es wieder in die Schule.

Freitag, 25. Mai 2012

Marguerite Yourcenar - Die schwarze Flamme

Brügge im 16. Jahrhundert. Die Hansestadt in Flandern ist der Ort des Geschehens, als ein Arzt nach 30 Jahren Reisetätigkeit an den Ort seiner Jugend zurückkehrt. Brügge – eine der romantischsten Städte, die ich kenne, hatte mich auf diesen Roman neugierig gemacht. Grachten, Kanäle, Häuser aus rostbraunem Backstein, Treppengiebel – dies alles sollte ich in dem Roman vermissen. Das war nicht schlimm, denn die Handlung wurde zum Monument.

Es war eine Neuheit für mich, einen historischen Roman zu lesen. Literatur über Geschichte hatte ich vor längerer Zeit verschlungen – Biografien oder Einzelthemen – Weltkriege, Aufklärung oder Römerzeit, aber noch keinen historischen Roman.

Es hat sich gelohnt. „Die schwarze Flamme“ ist ein gewaltiges Werk, in dem sowohl geschichtliche Ereignisse wie Persönlichkeiten der Renaissance zusammengefügt werden. Hierdurch entsteht ein sehr dichtes Bild der Renaissance – welche Weltanschauungen geherrscht haben, wie die Menschen gelebt haben, welche Bewegungen quer durch Europa gegangen sind.

Dabei klingt es unglaublich, dass Yourcenar rund 40 Jahre an diesem Roman geschrieben hat. Als sie Anfang 20 war, hatte sie einen Entwurf von 40 Seiten geschrieben, der sich in dem ersten Teil wiederfindet. 1935 erschien eine Erzählung zu demselben Thema, die sie später in ihren Roman integrierte. In den 50er Jahren fügte Yourcenar einzelne Kapitel des ersten Teils hinzu. Sie vollendete ihren Roman zwischen 1962 und 1965. „Die schwarze Flamme“ kann somit als eine Art Lebenswerk betrachtet werden, welches die Autorin über viele Lebensabschnitte hinweg begleitet hat.

Marguerite Yourcenar (1903-1987) stammt ursprünglich aus Brüssel. Mit Beginn des 2. Weltkrieges emigrierte sie in die USA, sie ließ sich dort dauerhaft nieder und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Neben ihrer Tätigkeit am Lehrstuhl für französische Literatuwissenschaften in New York veröffentlichte sie mehrere Romane, Erzählungen und Gedichte, wovon die historischen Romane „Die Wölfin“ und „Die schwarze Flamme“ am bekanntesten waren. Sie erhielt verschiedene Literaturpreise und wurde 1981 als erste Frau in die „académie francaise“ aufgenommen.

Begegnungen ziehen sich als roter Faden durch den Roman. Zenon, die Hauptfigur, begegnet wesentliche Persönlichkeiten des 15. Jahrhunderts, die die maßgeblichen Einflüsse der Renaissance beschreiben. Zenon wird 1510 in Brügge als uneheliches Kind geboren. Sein Vater, ein Amtsträger der Kirche, wird einige Jahre später in Rom ermordet. Seine Mutter begeht den folgenschweren Fehler, sich nach Münster zu begeben, wo sich die Stadt der Reformationsbewegung nach dem Vorbild des Calvinismus in den Niederlanden geöffnet hat. Diese Form des Protestantismus geht der deutschen Reformationsbewegung zu weit. Daher dringen Truppen aus den umliegenden Fürstentümern in Münster ein und begehen ein Massaker an der Bevölkerung. Dabei wird Zenons Mutter hingerichtet. Aber bereits vorher – bei der calvinistischen Reformationsbewegung – werden religiöse Exzesse beschrieben, dass beispielsweise Menschen, die den Müßiggang pflegen und nichts tun, hingerichtet werden, weil dies nicht der religiösen Weltanschauung entspricht.

Zenons Vetter ist Sohn eines Bankiergeschlechtes. Handel, Kapital, Geldflüsse, Warenflüsse, Manufakturen blühen in der Renaissance auf. Die Bankiers verkehren zwischen den Fürsten in illustren Kreisen, wobei ihr geistiges Potenzial mittelmäßig ist und ausschließlich die Höhe des Geldkapitals entscheidend ist.

Zenon selbst sucht seinen eigenen Weg, unabhängig von seinen Eltern. Schon als Jugendlicher zeigt er eine enorme Strebsamkeit nach Wissen, welches ihm sein Onkel – der Dompropst in Brügge ist – vermittelt. Das ist vor allem die Philosophie: diese Wissenschaft verleiht im die Basis seines Wissens, und in der Renaissance koppeln sich eigenständige Disziplinen von der Philosophie ab, namentlich die Naturwissenschaften und die Medizin. Zenon verkörpert eine Dreiereinheit der Wissenschaften: Philosophie, Alchimie und Medizin.

Um seinen Wissensdurst zu stillen, geht Zenon auf Wanderschaft – quer durch Europa. Fiktiv konstruiert oder historisch belegt – so erzählt Yourcenar die Episoden während der Wanderschaft. Zenon stößt auf Bankiers, er erlebt einen Aufstand in einer Weber-Manufaktur, wo man sich gegen die miserablen Arbeitsbedingungen wehrt, er durchlebt die Pest. Die Pest hat ihn vielleicht am nachhaltigsten geprägt, denn er versteht seinen Beruf als Arzt – er will anderen Menschen helfen, unabhängig von deren Anschauung, Status, Beruf oder sonst was. Seine Reisen führen ihn bis in den Orient hinein und fast bis ans Nordkap. Von sexuellen Ausschweifungen, bei denen vor allem Geistliche ein schlechtes Bild abgeben, hält Zenon nicht allzu viel – mit Ausnahme von Schweden, wo er seine wahre Liebe kennen lernte, aber wegen der Wanderschaft wieder verlassen musste.

Als Philosoph, Alchimist und Arzt verfasst er Schriften, in die die treibenden Kräfte der Renaissance einfliessen: ein Weltbild, das die Naturwissenschaften neu begründet, Alchimie, um neue Materie aus bereits vorhandener Materie zu schaffen, ein Katholizismus, dessen Gott-zentriertes Weltbild revidiert werden muss. Das soll ihm später zum Verhängnis werden.

Nach 30jähriger Wanderschaft müde geworden, beschließt er, in Brügge sesshaft zu werden. Dort ist er als Arzt in einem Hospiz tätig. Bis ihn ein Vorfall den Boden unter den Füßen wegreisst: einem Protestanten, der ansonsten verblutet wäre, rettet er in Brügge in den katholischen Niederlanden durch seine ärztliche Hilfe das Leben. Zenon steht zu seinem Verhalten, und aus seiner Umgebung erhält er Ratschläge, Brügge besser zu verlassen. Er ignoriert diese Ratschläge, und gemeinsam mit seinen veröffentlichen Schriften, die weithin bekannt sind, wird ihm der Prozess gemacht.

Flandern gehört im 16. Jahrhundert zu Spanien, das rege von der Inquisition Gebrauch macht. In diesem Umfeld bergen die Schriften Zenons, eine Unendlichkeit des Weltraums zu postulieren oder von einem geozentrischen Weltbild auszugehen, ein inquisitorisches Potenzial. In dem Prozess muss Zenon den kirchlichen Grundsätzen Rede und Antwort stehen. Zenon wird zum Tode verurteilt, wobei er seiner Hinrichtung durch seinen Selbstmord zuvor kommt. Yourcenar hat sich bei dem Prozess an Giordano Bruno angelehnt, der im Jahr 1600 wegen seines gegenläufigen Weltbildes von der Kirche in Rom hingerichtet worden ist.

Als ich den Roman zu Ende gelesen hatte, war ich geradezu hingerissen. Yourcenar ist es gelungen, die sehr vielschichtigen Einflüsse in der Renaissance zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ihre Sprache ist verständlich, die einzelnen Episoden schildert sie kurzweilig, sie sind mitten aus dem Alltagsleben in der Renaissance heraus gegriffen, der Leser muss kaum geschichtliche Vorkenntnisse mitbringen, die Autorin bewegt sich auf Augenhöhe mit dem Leser. Bei der Komplexität des Themas ist dies ein sehr großer Wurf. Zusammenfassend, war ich entsetzt darüber, wieviel Unheil die Religion den Menschen in Europa gebracht hatte.

„Die schwarze Flamme“ war 1968 veröffentlicht worden und avancierte danach in Frankreich zum Bestseller. „L’oeuvre au noir“ – so hieß der französische Originaltitel -, war sogar 1988 unter der Regie von André Delvaux verfilmt worden – ich habe allerdings nicht rechercheiren könne, ob der Film ins Deutsche übersetzt worden ist.

Bislang gibt es bei mir einen Roman, den muss ich alle paar Jahre lesen – das ist „Die Pest“ von Albert Camus. Nun kommt wahrscheinlich Yourcenar mit „Die schwarze Flamme“ dazu.

Montag, 2. Januar 2012

Nachlese 2011; gelesene Bücher - Teil 1

Das Buch „Wellenschlag“ von Georges Simenon war eines meiner Weihnachtsgeschenke, denn ich habe mit viel Begeisterung mittlerweile 10 Simenons verschlungen. Dabei interessieren mich mehr die Non-Maigret-Romane, für die Simenon etwas weniger bekannt ist.

In einer einfachen, unkomplizierten Sprache beschreibt Simenon mit reichlich psychologischem Tiefsinn die Alltagswelt der kleinen Leute. So auch hier: „Wellenschlag“  ist mit seinen 163 Seiten als Bettlektüre an einigen Abenden flüssig zu lesen – oder wie bei mir während der Busfahrt.

Die Geschichte ist eine unglaubliche Tragödie. Jean ist Waisenkind und lebt bei seinen beiden Tanten auf dem Gut Wellenschlag in Marsilly in der Nähe von La Rochelle an der französischen Atlantikküste. Jean hat Marthe, seine Freundin, geschwängert. Eigenmächtig veranlassen seine beiden Tanten, dass Marthe abtreibt, ohne dass Jean bzw. ihr Vater davon etwas wissen. Nach der Abtreibung kommt es zu Komplikationen, und eigentlich könnte nur eine Totaloperation helfen, die 10.000 Francs kostet und für die das Geld fehlt. Marthes Blutungen werden immer schlimmer, so dass sie schließlich stirbt. Zuvor hatte Jean Marthe geheiratet.

Der Roman spielt 1938 in einer Steinzeit der Telekommunikation, ohne größeres Telefonnetz, ohne Mobilkfunkkommunikation, ohne Internet oder e-Mail-Verkehr.

Was Marthes Tod betrifft, hätten auch aus heutiger Sicht Krankenkassen in einem solchen Fall die Kosten für eine Totaloperation nicht übernommen.

In dieser Steinzeit der Telekommunikation werden Informationen weitestgehend im Café de la Poste in Marsilly ausgetauscht. Dort finden sich Charaktertypen mit allen Haken und Ösen: Jeans Schwiegervater Sarlat, der Schulden hat; Justin, der wegen diverser Liebschaften als Bürgermeister nicht wiedergewählt worden ist; der Elsässer Kraut, der sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlägt und außer Essen und Trinken keinerlei anderen Aktivitäten nachgeht; Jourin, der nach Belieben fremdgeht und dennoch verheiratet ist. Dazu kommen Metzger, Maurer, Hufschmied, Lehrer, also alles, was sich so im Dorf herumtreibt. Dementsprechend stark wird das Café frequentiert, wobei jede Menge gesoffen wird, Karten gespielt wird und endlos über Politik herum palavert wird.

Das ist eine Welt, in die Jean nicht hineinfindet, weil er mit solchen derben Charaktertypen nicht umgehen kann. Anstatt dessen ist er in seinem Alltag gefangen, der auf Gut Wellenschlag stattfindet. Jeden Tag erntet er von morgens früh bis abends spät Austern, indem er bei einem niedrigen Gezeitenstand während der Ebbe die Austern mit Netzen aus dem Meer fischt. Umspült von Wassermassen, werden Karren durch Matsch und Schlick gezogen, was eine fürchterliche Knochenarbeit ist.

Seine beiden Tanten haben ein Netz um ihn gesponnen, dem er letztlich nicht entweichen kann. Ihr Immobilienbesitz ist groß, denn außer dem Gut Wellenschlag, welche 30 ha groß ist, besitzen sie noch zwei Mietshäuser. Sämtliche Gebäudeinfrastruktur und den Fuhrpark stellen sie zur Verfügung. Marthe lebt bei den beiden Tanten, die täglich die beiden bekochen und sich um Marthes schlechter werdende Gesundheit kümmern.

Sein Schwiegervater Sarlat öffnet ihm im Café de la Poste die Augen, indem er die beiden Tanten als „Drachen“ bezeichnet. Doch Jean kann damit nicht umgehen, er will Sarlat verprügeln und wird prompt aus dem Café geschmissen. Anstatt dessen arrangiert er sich mit seinen Tanten und lässt sie weiter gewähren.

Als seine Frau stirbt, trauert Jean nur für eine kurze Zeit. Er lebt bei seinen Tanten in seiner engstirnigen Welt weiter und fühlt sich fortan nicht als Witwer, sondern wird als Junggeselle alt.

Sonntag, 30. Januar 2011

Simenon

Habe Simenon „Der Bürgermeister von Furnes“ gelesen. Der Bürgermeister Joris Terlinck ist ein ekelhafter Typ: er hat seine Haushälterin geschwängert, sein Sohn ist Anfang 20 und ist in der Armee, die Haushälterin und seine Ehefrau wohnen in demselben Haus. Außerdem hat er mit seiner Ehefrau eine geistig behinderte Tochter, die in einem abgeschlossenen und abgedunkelten Raum vor sich her vegetiert (ab und zu bekommt sie zu essen , ab und zu wird sauber gemacht, es kümmert sich niemand darum, wie sie ihre Notdurft verrichtet). Terlinck ist gleichzeitig Inhaber einer Zigarren-Fabrik. Eines Abends klingelt einer seiner Beschäftigten (Jef Claes) bei ihm zu Hause und bittet um einen Vorschuss auf seinen nächsten Lohn, weil seine 18 jährige Freundin schwanger ist und er sich mit ihr eine Wohnung einrichten möchte. Terlinck lehnt eiskalt ab, worauf Jef Claes ihn mehrmals anfleht und ihm androht, sich umzubringen. Terlinck bleibt hart, und am nächsten Tag bringt Jef Claes sich um. Dieser Selbstmord berührt ihn überhaupt nicht, und machtbesessen übt er seinen Posten als Bürgermeister von Furnes aus (liegt in Flandern und heißt dort „Veurne“). Hierbei ist sein schärfster Konkurrent der Vater der Freundin von Jef Claes (Van Hamme). Nach Bekanntwerden der Schwangerschaft setzt Van Hamme seine Tochter vor die Türe und besorgt ihr eine Wohnung in Ostende. Irrational und nicht erklärbar fährt Terlinck danach immer wieder zu der 18 jährigen nach Ostende und überhäuft sie mit Geschenken, obschon es niemals eine Aussicht auf irgendeine Beziehung gegeben hätte. Gleichzeitig verschlechtert sich der Gesundheitszustand seiner Ehefrau immer mehr, und dennoch hört er nicht auf, nach Ostende zu fahren. Das Ende des Buches entwickelt sich dahin, dass seine Ehefrau stirbt und dass er seinen Posten als Bürgermeister an seinen Konkurrenten Van Hamme abgibt. Mich beeindruckt Simenons Stil, dessen Roman mit relativ wenig Handlung und subtilen Charakterbeschreibungen eine hohe Erzähldichte aufweist. Fixpunkte sind Terlinks zu Hause, wie er seine Zigarren raucht, das Café „Le Vieux Beffroi“ und der Marktplatz von Furnes. Diese Fixpunkte beschreibt Simenon in ständig neuen Facetten und Alltagssituationen. Das skandalöse Auftreten von Terlinck muss in der Zeit von 1938 verstanden werden, als der Roman geschrieben wurde. Im heutigen Umfeld von Presse, Medien und Öffentlichkeit wäre Terlinck mit all seinen Skandalen wahrscheinlich nicht lange Bürgermeister geblieben. Im Roman sicken all seine Skandale nur langsam über die Mutter des toten Jef Claes durch, die in Furnes allen davon erzählt. Anstoß für seinen Rücktritt sind letztlich die menschenunwürdigen Umstände, unter denen seine geistig behinderte Tochter lebt. Die Untersuchung dieser Umstände ist gerichtlich angeordnet worden.